Der Auszug

Loslassen

Meine Tochter ist endlich ausgezogen. Nicht von zu Hause natürlich. Sondern nur mit ihrer Schublade mit dem Dia-Stuff aus meinem Zimmer.

Ein weiterer Schritt nach vorn. Jahrelang habe ich Katheter, Schläuche und Co. bei mir im Schlafzimmerschrank aufbewahrt. Erst waren die Kinder viel zu klein, um so etwas wichtiges in ihren Zimmer aufzubewahren, später blieb es einfach so. Aus Gewohnheit. Außerdem habe ich ein bisschen an dem Kram geklammert, damit ich den Überblick behalte. Naja, viellecht doch eine Ausrede, wer wird schon gern überflüssig. Besonders wenn man jahrelang den Diabetes seines Kindes allein geregelt hat. Es war ja lange „unser“ Diabetes. Heute vermeide ich diese Formulierung.

Die Fragende

Jedenfalls liegen nun alle Blutzucker-Hilfsmittel ordentlich wie nie in der neuen Ikea-Kommode, die in das Mädchen-Zimmer eingezogen ist. Jetzt mit fast 15, bin ich nur noch in absoluten Problemlagen gefragt. Die Fragerei nach aktuellen Werten habe ich mir komplett abgewöhnt. Manchmal erkundige ich mich noch, ob alles okay ist. „Kommst du klar?“ Was ebenso einsilbig beantwortet wird. Kann ich mir also sparen. Ganz selten erinnere ich noch ans Messen, ein bisschen Restbeobachtung behalte ich mir aus dem Hintergrund vor. Aber ganz ehrlich, ich habe nicht mehr immer den absoluten Überblick. Aber sollte ich nicht besser Bescheid wissen? Soweit ich mich erinnere, hatten das meine Eltern über mein Leben als Teeny auch nicht.

Teeny-Zeit 1980 versus 2020

Ich versuche mich an meine Zeit als 14-Jährige zu erinnern. Meine Eltern, sie waren Ende dreißig, als ich 14 war, kamen mir uralt und unmodern vor. Was sollen meine Töchter über mich denken, ich bin 53! Ich weiß noch sehr gut, dass die Unterstellung, man sei mit 14 noch nicht reif für dies oder das, mich wahnsinnig genervt hat. Am nervigsten waren immer diese offenen ausgesprochenen Befürchtungen, man wolle ja nicht, dass die Tochter, also ich, unter die „Räder“ komme. Uff. Was für ein grauenhaftes Bild. was wäre wohl gewesen, wenn ich Diabetes gehabt hätte. Das will ich mir gar nicht ausmalen. Gab ja nur ganz wenige Hilfsmittel zur Blutzuckerkotrolle.

Drecks-Corona

Freiheit für Teenager 2020 ist ja so eine Sache. So richtig losslassen darf man die Kids dank Corona ja nicht. Dabei weiß ich, dass meine Töchter stark sind und sich zu helfen wissen. Trotzdem beneide ich meine Töchter gerade nicht. Corona umhüllt ihre Freiheit wie ein gläsernes Gefängnis.

2021 soll es vorbei sein, unbedingt

Eigentlich sollen man mit 14 beginnen, die Welt für sich zu erobern. Das ist nun nicht so gut möglich, wenn #stayathome die Devise ist. Stattdessen Selbstbeschulung und Spazierengehen. Die Selbstbeschulung hat aber auch Vorteile. Die Erfahrung, etwas ganz alleine geregelt zu bekommen, macht stark. Die Lehrer tun mir schon fast leid, wenn sie dann diese selbstbewussten, selbstlernerfahrenen Jugendlichen irgendwann wieder mit allem Pipapo klassisch beschulen sollen. Meine Töchter jedenfalls sind froh, dass es vielleicht vorbei ist, wenn sie nächsten Sommer 16 werden. Wohlgemerkt, vielleicht.

Aber bevor ich abschweife, hier kurz zusammengefasst, Diabetes mit 14, meine 4 wichtigsten Erfahrungen:

  • 14-jährige, die ihre sonstigen Angelegenheiten angemessen regeln können, können ihr Diabetes-Management selbst übernehmen. Selbstständigkeit fördern.
  • Diabetes ist wie ein Brennglas, das Eltern noch verschärfter klar macht, dass man loslassen muss.
  • Wichtig ist, dass der junge Diabetiker weiss, dass er sich in Krsiensitutionen Hilfe holen soll und kann. Egal zu welcher Uhrzeit.
  • Eltern sollten stolz sein auf die Selbstständigkeit ihrer Diabetes-Kids sein, auch wenn nicht immer alles klappt.

Aber auch ich bin schwach und habe mir als kleine Absicherung einen Katheter und einen Schlauch in meinem Kleiderschrank versteckt. So ein bisschen misstrauisch bin ich doch. Und auch wenn ich beim Betreten des Mächen-Zimmers anklopfe, ich schaue ab und an heimlich nach, ob noch genug Sachen da sind. Möge mir dies verziehen werden, irgendwann.

3 Antworten auf „Der Auszug“

  1. Liebe Silke,

    vielen Dank für deine tollen Beiträge, die mir immer wieder Mut und Hoffnung geben. Und mich auch immer wieder zwingen, die Situation mit einem anderen Blickwinkel anzuschauen.
    Meine Tochter ist 6 Jahre alt und hat seit 3 Jahren Diabetes 1. Für meine Tochter ist es ein Alltag geworden, für mich sind es immer wieder neue Herausforderungen und auch Unsicherheiten was die Zukunft betrifft. Ob Corona-Krise, oder die Einschulung im September. Mehr loslassen und mehr vertrauen – und es ist dann so schön zu sehen, dass die Kleinen eigentlich mehr drauf haben, als man gedacht hat. Es gibt gute Tage und es gibt schlechtere Tage. Aber es geht immer wieder weiter.
    Und das unter Anderem auch Dank deiner Blogs.

    Vielen Dank – weiter so! Und euch drei alles Gute!

  2. Ein toller Beitrag…. ich glaube als Eltern mit Diakids ist es für die Eltern die allergrößte Herausforderung, den Grad zwischen wachsamer Fürsorge und Loslassen in Balance zu halten…. und auch wenn sie vollends in der Pubertät sind, brauchen die Kids uns Eltern als Backup…. und wir Eltern müssen lernen, uns von all den Ängsten, bezüglich des Diabetes nicht überrollen zu lassen. Das manchmal nicht einfach. Mein Sohn ist 13 und hat mit 19 Monaten seine Diagnose bekommen. Ich selbst hab auch Diabetes, ich war 16Jahre bei der Diagnose und ich weiß noch, wie sehr mich die Sorgen und Ängste meiner Eltern genervt haben. Das leitet mich bei meinem Sohn. Und bislang klappt es gut….

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