Blutzucker und Pubertät


Ich mag es eigentlich gar nicht, dieses Herumgereite auf dem nervige Verhalten, das junge Menschen in der Pubertät an den Tag legen. Kein glücklicher Mensch benimmt sich gern so, dass er für andere nervig ist. Es ist wohl viel Verzweiflung dahinter, wenn ein sogenanntes Puber-Tier wegen einer falschen Ansprache gleich ausrastet.

Diabetes nervt in der Pubertät

Klar ist man als Mutter genervt von schmollenden Teenies, vor allem, wenn es um Fragen des Blutzuckermanagements geht. Da werden bei uns auch ab und an vor Wut Türen geknallt. Aber gleich alles auf hormonelle Wandlungsprozesse schieben? Meine eigenen Spannungszustände in diesem Alter führte ich immer auf unglückliche, familiäre Konstellationen zurück. Es war sowieso nicht leicht, in den 80er Jahren erwachsenen zu werden. Westdeutsche Frauen hatten erst nach dem Familienrecht von 1977 mal gerade so die Gleichberechtigung gewonnen. Männer waren in den Familien die Bestimmer: „Frag deinen Vater“, war ein oft gehörter Satz. Es gab wenig Raum für Mädchen, die einem freieren Leben entgegenstrebten.

Ich war auch ein nerviger Teeny

Mit viel Getrete und Gestrampel, wilden Ideen und krausen Gedanken brach ich in den achtziger Jahren in mein Leben auf. Es ist nicht alles optimal gelaufen und ich war wahrscheinlich schon wegen des Studiums an der Kunsthochschule extra lange in einer Art Adoleszenz. Bestimmt nervig für meine anständigen Eltern. Aber auch wenn nicht alle Ideen aufgegangen sind: in vielen war ich die absolute Nummer eins (Achtung: enthält Ironie). Erste Frau unserer Familie mit Abitur, erste, die nicht mit 25 verheiratet war, mit abgeschlossenen Studium, die erste, die weite Reisen unternahm, und die erste, die alleinerziehend Kinder großzog. Naja, und dann noch die einzige, die sich sich der Herausforderung stellen durfte, ein Kleinkind mit Diabetes zu betreuen. Darauf hätte ich auch gerne verzichtet.

Die beste Mutter der Welt werden wollen

Auf jeden Fall war mir immer klar, wenn ich Kinder habe, dann sollen die sich nicht gegängelt fühlen. Ich wollte die coole, lässige Mutter sein, die beste Freundin ihrer Töchter. Gelingt mir sicher ab und an, aber nicht immer. Beim Thema Diabetes klappt das öfter mal gar nicht. Der berechtigte Wunsch meiner Tochter nach Abgrenzung, auch in Sachen Blutzucker, bringt mich gelegentlich auf die Palme. „Ich bin die Erwachsene, die, die Verantwortung trägt. Wenn es schlecht läuft, muss ich dafür gerade stehen.“, grübelt es dann in mir. Aber meine Tochter will oft gar nicht, dass ich nachfrage, mich einmische, mitbestimme. Ich bin dann nur Zaungast im Zuckertal und weiß nicht mehr, wie ich so steuernd eingreifen soll. Dann werde ich unleidlich, autoritär und für meine Töchter wahrscheinlich richtig ätzend.

Pubertät – kann anstrengend sein, auch weil Eltern nerven

Mädchen durchlaufen im Alter von 10 bis 18 die Pubertät, lese ich. Eine super lange Zeit, vorallem, wenn man währenddessen als Mama für einen vernünftigen Blutzucker-Langzeitwert sorgen möchte. Pubertät definiert sich durch die Entwicklung vom Kind zum geschlechtsreifen Erwachsenen. Die hormonellen Veränderungen können zu Stimmungsschwankungen führen. Aber der Grund für Reibungen innerhalb der Familie liegt auch an dem gewachsenen Urteilsvermögen der Teenies, was ermöglicht, die Schwächen der Eltern besser zu erkennen. Damit ist meine Tochter bestens ausgestattet. Kein Wunder, dass eine Mutter, die ständig fragt, “Wie war der Wert, hast du gebolt, denk an die Kohlenhydrate, hast du wieder heimlich Schokolade gefuttert?“ bei einem jungen Mädchen mit geschärften Verstand ziemlich dusselig rüber kommt, „Mama, ich bin ja nicht blöd, du nervst!“.

Mein Teenager-Horror

Ich gebe zu, ich bin froh, dass ich keinen Diabetes habe. Als Teeny hatten wir einen Nachbarjungen, der Diabetiker war. Die Vorstellung, mich zu jeder Mahlzeit spritzen zu müssen, war ein Horror. Ich hatte wohl auch, wie unter Aussenstehenden üblich, falsche Vorstellungen von der Erkrankung. Ich besorgte mir Urinsticks, um zu testen, ob ich Diabetes nicht doch habe, so sehr hatte ich davor Panik. Hätte ich es geschafft, mit der Erkrankung klar zu kommen? Um so mehr bewundere ich mein Kind, wie es seine Situation heute annimmt. Wenn man meine Tochter fragt, was sie sich wünschen würde, wenn sie sich etwas wünschen dürfte, auch etwas, was unmöglich ist, dann sagt sie „Weltfrieden!“.

Bin noch nicht überflüssig

Und dann gibt es diese Momente, an denen man als Mama dann doch wieder gebraucht wird: 4.00 Uhr morgens und Blutzucker 360! Ich bin froh, dass es noch selbstverständlich ist, dann zur Mutter zu kommen, um zu zweit herauszufinden, wie man diese Panne wieder richtet. Auf Augenhöhe. In Freundschaft. Als Familie.

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