Der Weihnachtsgrinsch

Ich bin der Weihnachtsgrinsch. Ein bisschen jedenfalls. Jeden Advent bekomme ich meinen obligatorischen Koller. Diabetesmanagement ist in der Vorweihnachtszeit eine extra Herausforderung, weil überall süße Verlockungen angeboten werden. Die Allgegenwärtigkeit von Naschereien verführen mein Kind dazu, heimlich, still und leise, besonders gerne wenn ich nicht zu Hause bin, zu naschen – und den Bolus zu vergessen. Dann den Blutzucker wieder auf Form zu bringen, ist natürlich nicht so leicht, wenn man nicht mehr genau weiss, wieviel Lebkuchen gefuttert wurden. Aber ich muss zugeben, als ich selbst 13 Jahre alt war, hatte ich auch unentwegt Appetit auf Süßes und habe an manchen Tagen auch unkontrolliert genascht. Ich hatte nur das Glück, keinen Diabetes zu haben.

Kinder und Süßigkeiten

Während meiner Kindheit in den 1970er Jahren, war das Angebot an Süßkram schon vergleichbar zu heute. Besonders heiß war ich auf Schokolade. Und auch meine Mutter, die in den 1950er Jahren Kind war, liebte Süßes und konnte sich ihre, sicherlich bescheidenen Süßigkeitenmengen nur schwer einteilen.

Meine Großmutter, geboren vor dem 1. Weltkrieg, hat nie berichtet, dass sie Interesse an Naschereien hatte. Als Kind einer verwitweten Arbeiterfrau reichte das Einkommen nie für mehr als das Lebensnotwendige und sicher oft nicht mal für das. „Während der Inflation, hatten wir oft nicht einmal mehr Salz im Haus oder ein paar Kartoffeln, weil das Geld nicht reichte, wir hatten kaum was zu essen.“ Omas bittere Erinnerungen an eine sehr hungrige Kindheit vergesse ich nie.

Geschichte der Süßigkeiten

Aber seit wann gibt es eigentlich diese Mengen an industriell hergestellten Süßigkeiten? Die erste richtige Essschokolade wurde 1847 in England erfunden. Vollmilchschokolade kam 1875 zuerst in der Schweiz auf dem Markt. Vor 100 Jahren war Schokolade für deutsche Kinder aber noch ein absoluter Luxusgegenstand. Über 12 Kilo Schokolade verputzt dagegen heute jeder Deutscher jährlich, jeden Monat also rund 10 Tafeln. Dazu noch rund 9 Kilo Kekse.

Plätzchen und Lebkuchen sind schon lang ein Teil der deutschen Esskultur. Kekse sind aber eine süße Erfindung des 20. Jahrhunderts. Aber erst der industriell hergestellte Zucker ließ sie zur Massenware werden. Das Wort Kek fand 1915 Eingang in den Duden. Gummibärchen sind erst in den 1920er Jahren erfunden worden und erlebten ihre bundesweiten Durchbruch nach dem 2. Weltkrieg.

Die einzige, schon seit alten Zeiten bestehende Leckerei, ist Eis, das es wohl schon bei den Römern als Delikatesse für die oberen 10.000 gab. Eis als tägliches Genussmittel fand erst mit dem Vorhandensein eines Tiefkühlschranks in unsere Haushalt Einzug.

Zucker macht glücklich, manchmal

Meine Oma, die während ihrer Kindheit nur Entbehrungen kannte, war uns Kindern gegenüber, was Süßes anging, großzügig. Für sie gab es kein besseres Beruhigungsmittel als ein Glas warmes Zuckerwasser. Zum Naschen gab es gesüßte Kondensmilch aus der Tube, Schogetten und später auch viele, viele, bunte Smarties. Übrigens eine englische Erfindung, die in den späten fünfziger Jahren bei uns verbreitet wurde.

Meine Kinder sind ein gutes Jahrhundert nach ihrer Urgroßmutter geboren. Süßigkeiten sind für sie in Unmengen vorhanden, bezahlbar und extrem verführerisch präsentiert. Da mag man sich nach Zeiten sehnen, in denen das nicht so war. Aber eine gute, alte Zeit war die Gründerzeit nicht, dafür litten in Deutschland zu viele Menschen Hunger oder starben an unbewältigten Erkrankungen wie Tuberkulose oder Diabetes.

Das Rad der Zeit lässt sich nicht zurückdrehen. Und ich muss mich wohl noch ein bisschen damit abfinden, dass vor Weihnachten, nach Ostern und an vielen anderen Tagen, auch meine Kinder trotz der ständigen Vorbeterei, was gesunde Ernährung bedeutet, den zuckrigen Versuchungen erliegen.

Der Jahreswechsel naht. Da ist es doch mal an der Zeit gute Vorsätze für 2019 zu fassen: weniger Schokolade im Haus aufbewahren und mehr Gelassenheit, wenn sie einfach mal hemmungslos verzehrt wird. Feiert schön!

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