13 Jahre – 12 Jahre Diabetes

Groß werden – nicht immer leicht

Ich habe mich entscheiden zum ersten Mal seit Jahren zum Elternsprechtag zu gehen. Schulisch läuft alles gut, für beide Kinder, aber zum allerersten Mal habe ich das Gefühl, dass es eine unglückliche Konstellation von Diabetes und Teenager-Sein in unserer Familie gibt.

Diabetes raubt den Schlaf

Meine Tochter ist nicht unglücklich. Aber sie wirkt angestrengt. Sie kommt in der Schule gut klar, ist ein sehr großes Mädchen und körperlich dem Alter, in dem sie ist,  entwachsen. Sie sieht groß aus und versucht es auch zu werden. Demzufolge will sich auch in Sachen Diabetes alles selber regeln: „Mama, du hast deine eigenen Probleme. Ich habe meine, ich kümmere mich selbst darum.“  Ich finde sie großartig. Aber ist es nicht doch etwas viel? Schon seit längeren wacht sie auf, wenn der Wert kritisch hoch oder niedrig ist. Das war bis 11 bis 12 Jahre nicht so. Aber je mehr sie sich von meiner Fürsorge ablöst, auch was nächtliche Kontrollen angeht, um so weniger schläft sie.

Bei jedem noch so kleinen Wachwerden misst sie Blutzucker, nach jedem nächtlichen Toilettengang sowieso. Sie ist unruhig und abends höre ich oft, wie sie leise durch die Wohnung geht, um sich ein Stück Traubenzucker oder einen Schluck Wasser zu holen. Am liebsten würde ich aufstehen, ihr helfen, aber ich glaube, dass ich sie dann störe. Man stört ja sowieso so ständig, wenn Kinder groß werden.

Fröhlicher Geburttagstisch
Zuckeriger 13. Geburtstag
Handicap Schlafmangel

Schlafmangel ist ein Problem für fast alle Teenager. Ab den 12. Lebensjahr werden Kinder und Jugendliche immer später am Abend müde. Hier soll die Melatoninausschüttung eine Rolle spielen. Ein Effekt, der bei meinen Kindern auf jeden Fall eingesetzt hat. Im Kombination mit einem Blutzucker, den es auch nachts in Schach zu halten gilt, und eine Schulbesuch ab 7:50 Uhr führt das zwangsläufig zu Schlafmangel. Fehlender Schlaf soll sich ja ähnlich wie ein leichter Rausch auf die kognitiven Fähigkeiten auswirken. Ich kenne das, über 10 Jahre war ich nachts oft wach, um Blutzucker zu messen. Ich mache das nur noch im Notfall. Mir geht es durch das mehr an Schlaf wirklich besser. Anderseits ist meine Tochter, je weniger sie schläft, angespannt und faserig, nervös und auch schlecht gelaunt. Meine Vermutung, besonders in der Nacht stresst sie der Diabetes.

Lebenslange Herausforderung

Und dann sind da doch die Momente, wo sie wirklich bedrückt darüber ist, sich ihr Leben lang mit dem Diabetes auseinander setzen zu müssen. Das nagt an ihr. Und an mir. Das selbstständige Diabetesmanagement kostet Kraft. Junge Menschen ohne eine solche Herausforderung können sich entspannt ihrem pubertären Entwicklungen hingeben. Mein Kind nicht. Das schafft Distanz zu den anderen, auch nicht so ideal. Darüber möchte ich gern mit ihrer Klassenlehrerin reden, nur um zu klären, ob sie eine ähnliche Beobachtung gemacht hat. Ich erwarte nichts, aber vielleicht kann ich sie ein bisschen dafür sensibilisieren, dass die achte Klasse und die ersten Jahre als Teenager mit Diabetes doch etwas komplizierter und vor allem anstrengender sein kann.

Was kann ich sonst noch tun?

Wohl ruhig bleiben, was mir sicherlich öfter auch nicht gelingt. Oft bin ich unzufrieden, weil ich das Gefühl habe, die Erkrankung hat mich Jahre meines Lebens gekostet. Aber eine schlecht gelaunte Mutter ist keine Hilfe. Also versuche ich Stück für Stück mein Leben zurück zu holen, gehe zum Zeichnen, zum Sport und treffe mich mit Freundinnen. Und ich bemühe mich im Hintergrund zu bleiben und in meiner Rolle als Teststreifenbestellerin zu brillieren. Aber ein bisschen was kann ich für meine Tochter im Hintergrund vielleicht doch regeln, zum Beispiel die Klassenlehrerin dafür sensibilisieren, dass der Weg zur Erwachsenen als jugendliche Typ 1erin schwierig sein kann.

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6 Replies to “13 Jahre – 12 Jahre Diabetes”

  1. Liebe Zuckermutter,
    Vielen Dank für diesen wichtigen Artikel! Ich finde, du hast den Balanceakt sehr gut beschrieben, den du und deine Tochter stemmen musst. Ich wünsche euch ganz viel Kraft (und Schlaf;)) für die kommenden Herausforderungen,
    Liebe Grüße
    Swantje

  2. Ja, genau so ist es! Ich kann das von der ersten bis zur letzten Zeile bestätigen. Die Schule und die Anforderungen. Der Diabetes und seine Anforderungen. Man ist zum Zuschauen verdammt und hat kaum eine Möglichkeit, dem Kind unter die Arme zu greifen.

    Ich übe mich ebenso in Geduld und mir gelingt es auch nicht immer. Mein Funktion besteht überwiegend darin, zu erinnern. Ist noch genügend Insulin da, die Batterie voll, der Test am Dienstag, sitzen die Vokabeln, sind die Sportsachen in der Wäsche, muss nicht noch der Katheter gewechselt werden? Das ist eine der undankbarsten Aufgaben, weil ich mir damit nicht gerade eine positive Resonanz einhandle. Nur wenn ich es nicht tue, bricht erst recht das Chaos aus und das würde noch mehr Kraft kosten.

    Es ist unsere finale Phase! Zwölf Jahre haben wir darauf hingearbeitet. Damit tröste ich mich. Ich denke, Mensch, jetzt habe ich über ein Jahrzehnt damit durchgehalten, da werde ich die restlichen 5 Jahre auch noch schaffen, auch wenn das, was jetzt kommt, alles noch einmal ordentlich toppt! Kinder mit Diabetes groß werden zu lassen, muss man zulassen. Es ist eine enorme mentale Herausforderung für uns Eltern. Aber ich bin zuversichtlich, dass wir das wuppen werden.

  3. So ein toller Beitrag. Mein Kind ist 11 und hat erst seit 10 Monaten Diabetes. Aber was du da erzählst spricht mir aus der Seele. Mir sind sofort wieder mal die Tränen gekommen. Wie so oft wenn ich das weitere Leben meines Kindes denke, was ich mir weiß Gott anders gewünscht habe. Aber gut, eine Wahl hat man nicht. Vielen Dank

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