Diabetes in der Schule

Warum ist das so ein Problem?

Letzte Woche hat ein Artikel auf Welt.de eine lebhafte Diskussion in den Facebook-Diabetikergruppen entfacht. Es ging um eine Vorschullehrerin in Hamburg, die ihre Klasse abgeben musste, weil sie nicht bereit war, ein Diabetikerkind zu unterstützen.

Hamburg und Inklusion

Hamburg hat die Inklusion meines Wissens nach dadurch umgesetzt, dass es alle Förderschulen abgeschafft und die zu fördernden Kinder auf die Regelschulen verteilt hat.

Für die Regelschullehrer auf jeden Fall eine Herausforderung. Eine befreundete Lehrerin in Hamburg betreut an einer Grundschule eine inklusive Klasse. Sie hat ziemlich viel zu tun, die Kinder sind sehr unterschiedlich, einige können kein Deutsch, andere haben nie gelernt sich in einer Gruppe zu verhalten oder haben Lernbehinderungen, leiden unter autoritären oder desinteressierten Eltern. Ein Diabetikerkind hatte sie noch nicht. Aber sie kann es sich auch nicht vorstellen, neben den heterogenen Problemen ihrer Schüler auch noch einen Diabetes zu betreuen.

Unmut über bequeme Lehrer

Eigentlich ist der Beruf des Lehrers ja ein schöner Beruf. Einer, der durch Nachspüren wissend macht, so wird das althochdeutsche Wort lêrâri übersetzt. Beneidenswert für viele auch der sichere Arbeitsplatz, die Ferienzeiten und eine, verglichen mit anderen Tätigkeiten für die man studiert haben muss, solide Bezahlung.

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Bin doch keine Helikoptermutter, bei dem Durcheinander.

Von außen wirkt der Job locker, aber ist er es auch? Diabetes-Kinder haben ja auch ein Recht auf Beschulung. Nein, sogar die Pflicht, dort hinzugehen. Aber wie soll das gehen, wenn in den ersten Jahren ihrer Schullaufbahn keiner auf das Kind und seine besonderen Bedürfnisse achten will? Eltern verzweifeln an der ungeklärten Betreuungssituation.

Unmut über Helikopter-Diabetes-Eltern

Die älteren Diabetiker wundern sich vielleicht wiederum, was für ein Aufhebens die Eltern heute machen, sie sind doch auch irgendwie lebend und auf zwei Beinen durch die Schule gekommen. Unverständlich ist vielen Mitmenschen sowieso, wieso die Eltern der diabetsichen Kindern so einen Aufriss machen, schnell werden besorgte Erzieungsberechtigte diabetischer Kinder auf dem Helikopterlandeplatz abgeschoben.

Was ist da passiert, was ist anders als  früher wo es vermeintlich so unproblematisch war mit Diabetes zur Schule zu gehen? Drei Aspekte sind mir dabei aufgefallen.

Drei Gedanken zu diesem Problem

Die Kinder sind viel länger in der Schule als früher. Grundschüler befinden sich oft in Ganztagsschulen bis mindestens 15.00 Uhr. Das sind über 7 Stunden, die das Diabeteskind dann irgendwie regeln muss. Inklusiv Mittagessen. Laut einer Statistik der Kultusministerkonferenz bieten 60 % der Schulen im Primarbereich und in der Sekundarstufe I ein Ganztagsangebot an, Tendenz steigend.

Lehrerarbeit ist durch Inklusion und Migration viefältiger geworden. Meine Grundschulklasse in den 1970er Jahren habe ich als ziemlich homogen erlebt. Kinder mit geistigen und psychischen Einschränkungen waren auf sogenannten Sonderschulen. Das Problem, Kinder ohne Deutschkenntnisse beschulen zu müssen, existierte nur am Rande. Im Deutschland des Jahres 2015 hat aber gut ein Drittel aller Kinder unter fünf Jahren einen Migrationshintergrund. Und sicher verhalten sich die Kinder heute nicht so angepasst wie in den 1970er Jahren. Der Erziehungsdruck war viel größer.

Ein dritter Aspekt ist die Weiterentwicklung der Diabetestherapie. In der“guten alten Zeit“ ohne intensivierte Therapie und mobile Blutzuckermesssystemen, da gingen die Kinder in die Schule und aßen die festgelegten Portionen, die Mutti eingepackt hatte. Da der Blutzucker über Tage mangels mobiler Geräte sowieso nicht gemessen werden konnte, musste auch kein Blutzucker in der Schule gemessen werden. Mit welchen Langzeitwerten die Kinder früher so unterwegs waren, kann ich natürlich nicht beurteilen. Aber ich kann mir ganz gut vorstellen, dass die Eltern vor 40 Jahren sich gefreut hätten, wenn sie mittels Insulinpumpe und CGM den Blutzucker ihres Kinder verlässlicher einstellen hätten können.

Und jetzt?

Zurück zu konventionellen Therapien will ja bestimmt keiner mehr. Aber Lehrer arbeiten in einer viel größeren Belastung als vor 40 Jahren, auch das liegt auf der Hand. Früher war es vielleicht kein Problem, ein einzelnes Kind mit einem Handicap etwas engmaschiger zu beaufsichtigen. Aber angesichts der vielen Belastungen macht es den Lehrern Angst, noch mehr Pflichten zu übernehmen. Sehr anregend in dieser Diskussion ist die Forderung des Berufs­verbandes der Kinder- und Jugendärzte flächendeckende Schul­ge­sundheits­pflegekräfte in den Schulen einzusetzen, deren Finanzierung die Kranken­kassen übernehmen sollen. Hoffen wir mal, dass das irgendwann kommt.

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