Wie läuft es beim Schwimmen?

Diabetiker-Kind will allein ins Hallenbad

Vor einigen Tagen teilte mir meine Tochter (6.Klasse) mit, dass sie gern am Nachmittag mit einer Clique aus der Klasse allein zum Schwimmen gehen möchte. Allein! Ins Hallenbad!

Ich unterdrückte meine Panik und erklärte locker, dass sie das natürlich gerne tun kann, immerhin kam ihre Zwillingsschwester auch mit. Ich schob fast  alle Ermahnungen weg und ließ meine Mädels ziehen.

Die Horrorszenarien muss ich wohl kaum genauer erklären. Noch harmlos: Messgerät und Insulinpumpe bleiben auf einer Bank in der Umkleide liegen und verschwinden auf Nimmerwiedersehen. Die größte Panik als Zuckermutter habe ich natürlich davor, dass mein Kind im Wasser unterzuckert und still und leise an den Boden des Schwimmbeckens sinkt und ertrinkt. Dieses Horrorbild sitzt einfach fest in meinem Kopf, nachdem mir mal jemand von einem solchen Diabetikerbadeunfall eines jungen Mannes erzählt hat.

Schwimmen mit Zwillingen ist sowieso schon Stress

Als meine Kinder noch kleiner waren und meine Tochter noch konventionell mit sehr viel Basalinsulin behandelt wurde, was das arme Kind im Laufe des Tages abessen musste, war ein Ausflug ins Schwimmbad mit Zwillingen doch etwas stressig. Ständig beäugte ich mein Kind, ob es noch fit war und nicht unterzuckerte, keine Sekunde ließ ich die sie aus den Augen. Die ganze Tasche war voller Fressalien, damit das Kind seine fest berechneten Mahlzeiten essen konnte. Der meiste Stress beim Schwimmengehen mit 3-jährigen Zwillingen entstand aber auch dadurch, dass es eben 3-jährige Zwillinge waren, die sich noch nicht über Wasser halten konnten. Der Diabetes kam dann als zusätzlicher Stressfaktor hinzu.

Unfreiwiige Helikopter-Mutter

Als die Kleinen dann zum Schwimmverein gingen, um dort endlich richtig schwimmen zu lernen, saß ich dann jahrelang in der Ecke und passte auf, dass mein Kind nicht unterzuckerte. Meistens vollkommen unnötig, aber 2-3 Mal holte ich sie mit einem Blutzuckerwert von 50 aus dem Wasser, den sie selbst nicht bemerkt hatte. Aber sie wurde größer und mit der Pumpentherapie verbesserte sich die Unterzuckerwahrnehmung.

Mit der Insulinpumpe kamen aber andere Problemchen. Wohin mit der Pumpe? Etwa in den Schrank? Bloß nicht auf Stopp schalten, sonst piepst sie die ganze Zeit. Nicht, dass der Bademeister denkt, wir haben dort einen Sprengsatz deponiert! Oder die Pumpe ins Schließfach in der Halle, oder lieber in die Tasche und die ganze Zeit die Badetasche beobachten?

Einmal fummelte ich meiner Tochter in der Sammelumkleide die Pumpe von der Hüfte, als plötzlich eine schlecht gelaunte Seniorin hektisch den Zugang zu ihrem Schrank einforderte. Ich bat um einen Moment Geduld, aber die Dame rastet aggressiv auf, sie hatte wohl nicht begriffen, dass ich da gerade was machte, was ich nur schlecht unterbrechen wollte. Als sie sah, was das Kind da an sich hatte, schaute sie betreten weg. Seitdem benutzen wir nur noch die Einzelumkleide.

Diabetes im Hallenbad – eigentlich kein Problem

Trotzdem nie wirklich etwas Bedrohliches passierte, es dauerte einige Zeit, bis ich gelassener wurde. Bevor wir aufbrechen, gehe ich meine kurze Checkliste durch: Messgerät, Traubenzucker am Start, Kleingeld sollte für die Schranktür auch immer dabei sein.

Auf Tegadermpflaster verzichten wir, seitdem mein Kind Stahlkatheter benutzt. Sind wir länger und Wohnort fern unterwegs, nehme ich Ersatzkatheter  und Schlauch mit. Sollte sich der Katheter im Hallenbad um die Ecke beim Abrubbeln doch lösen, gehen wir eben ohne angekoppelte Pumpe nach Hause.

Irgendwelche Notfallkohlenhydrate in Form von Riegeln oder Knäckebrot nehme ich meistens nicht mehr mit. Im Bad ist ein Süßigkeitenautomat. In 10 Jahren ist mein Kind nicht ein einziges Mal im Wasser bewusstlos geworden. Sie hat es immer rechtzeitig gemerkt, wenn der Blutzucker in zu niedrige Bereiche fiel. Als sie dafür noch zu klein war, habe ich jede Stunde einmal gemessen.

Hat alles geklappt!

Die Sache mit dem elternlosen Schwimmbadausflug  war dann aber doch meine bisher größte Prüfung in Sachen loslassen. Der Ausflug im Hallenbad verlief übrigens ohne Komplikationen. Kind, Pumpe und Messgerät tauchten wohlbehalten zuhause wieder auf. Kind übrigens überglücklich und stolz! Zuckermutter erleichtert!

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