Über Anfängerfehler

Bevor meine Tochter an Diabetes erkrankte, war ich eher so die Künstlertype, die im Leben auch mal was auf sich zukommen ließ. Jetzt nach 10 Jahren als Zuckermutter bin ich ein Organisationsfreak, Aufräumfanatiker und Vorausplaner.

Als ich mit meiner Tochter 2007 nach der Erstdiagnose aus der Klinik entlassen wurde, gab mir das Klinik-Team ein Messgerät und eine Stechhilfe mit. Ich habe diesen bescheidenen Besitzstand an Hilfsmitteln zunächst gar nicht in Frage gestellt. Aber diese beide Dinge wurden schnell zum wichtigsten Gegenstand im zuckersüßen Alltag mit meiner Tochter. Auf die geistreiche Idee, mir Ersatzgeräte zu zulegen, kam ich erst, als mir nachts einmal die Stechhilfe hinters Bett purzelte und ich sie im dunklen Kinderzimmer nicht fand. Ich suchte verzweifelt und tastete unter dem Bett herum, aber das Scheißding war einfach weg.

Ich besserte das zügig nach und besorgte mir ein Ersatzgerät. Naja, und dann das Ersatzgerät für das Ersatzgerät usw.. Mittlerweile haben sich so 7 bis 8 funktionierende Geräte angesammelt. Natürlich habe ich auch mindestens 4 Stechhilfen am Start. Wenn wir länger wegfahren, nehme ich mindestens 2 Stechhilfen mit, nachdem in einem Strandurlaub einmal 2 von den Dingern wegen Sand im Getriebe ihren Geist aufgegeben haben.

Aus jeden dämlichen Fehler wurden wir klüger. Nichts ist unerfreulicher, als wenn der Besuch im Freizeitpark wegen fehlender Messstäbchen verfrüht beendet werden muss. Nachdem meine Tochter in der Umkleidekabine einer schwedischen Textilkette ihren Katheder abgerissen hat, haben wir immer einen Katheder in der Tasche, zwecks kurzfristiger Erneuerung, damit wir nicht nach Hause hetzen müssen. Im Kühlschrank liegen aufgezogenen Insulinampullen und in der Küche steht ein Glas mit ausgepackten Traubenzucker, falls es mal wirklich schnell gehen muss, weil der Blutzucker auf unter 40 abgesunken ist. Vergisst man sein Messgerät beim Shoppingausflug in die City, kann man übrigens zur Not in fast allen Apotheken gegen kleine Gebühr den Blutzucker messen lassen. Auch so eine Idee, die uns erst nach Jahren kam.

Gut kann ich mich an die Panikattacken in den ersten Zeit nach der Diagnose erinnern, wenn ich feststellte, dass ich mich nicht rechtzeitig um eine Rezept für neue Messstäbchen gekümmert hatte. Irgendwann hatte ich raus, dass unser Diabetesversand mir die Ware auch ohne Rezept schickt. Das Rezept kann man nachreichen. Überhaupt der Versand, was wäre ich ohne diese hilfsbereiten Frauen, die mich unterstützen bei der Krankenkassen die Finanzierung von Hilfsmitteln wie Pflasterentferner und Schutzspray durchzusetzen.

Die Erkrankung meiner Tochter hat mich verändert. Manche Maßnahmen mögen spleenig wirken. In meinem Kühlschrank liegt zum Beispiel Insulin für 9 Monate. Nach den Terroranschlägen in 2015/16 überfiel mich Panik, dass es womöglich Versorgungsengpässe geben könnte. Seitdem horte ich Insulin. Andere Persönlichkeitsveränderungen sehe ich als Gewinn. Ich bin strukturierter und bewusster darüber, was mir im Leben wirklich wichtig ist. Aber dazu im nächsten Text mehr.

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