1922, Insulin und Hoffnungen

Diabetes Diagnose war erstmal ein Schock

Als ich vor 10 Jahren noch nicht wusste, woran meine Tochter erkrankt war, war ich vor allem verunsichert. Ich konnte nicht einschätzen, was mit ihr los war, warum sie immer so schrie, soviel trank und so schwach war. Als wir die Diagnose Diabetes Typ 1 bekamen, war ich in erster Linie geschockt. Mein Kind lebenslang an Spritzen und Insulin gebunden, unvorstellbar! Auch nach 10 Jahren kann ich den Schmerz darüber, dass diese Gesundheitsstörung nie wieder verschwindet, noch spüren.

Diabetes war vor 1922 ein Todesurteil

Aber das ist nichts verglichen mit der Tragik, die Eltern erlebt haben müssen, die vor dem Jahr 1922 erfuhren, dass ihr Kind Diabetiker sein soll. Das war damals ein Todesurteil. Die Eltern mussten zusehen, wie ihr Kind verkümmerte, zuletzt ins diabetische Koma fiel und starb.

Bisweilen schießt mir durch den Kopf, was wäre, wenn Frederick Banting nicht 1921 die Isolation von Insulin aus der Bauchspeicheldrüse hinbekommen hätte und der Biochemiker James Collip 1922 nicht geschafft hätte, Insulin zu isolieren und zu reinigen. Dann wäre es meiner Tochter auch so ergangen, sie wäre noch vor ihrem 2. Geburtstag elendig verkümmert. Ich hätte ihr nur noch beim Sterben zu sehen können. Eine gruselige Vorstellung.

Ted Ryder – das erste Kind mit Diabetesbehandlung überlebte 70 Jahre

Einer der ersten 12 Patienten von Banting war ein kleiner Junge, der 5-jährige Ted Ryder. Teds Onkel war Arzt und er drängte Banting, den Neffen in seine Versuche mit aufzunehmen. Den kleinen Ted ging es bis zur Insulinbehandlung sehr schlecht, er wog nur noch 12,5 Kilo. Ted konnte dank Banting weiterleben. Dies muss seinen Eltern damals wie ein Wunder vorgekommen sein. Über 70 Jahre hat Ted dann noch unter der Insulintherapie gelebt. Er starb erst 1993.

Ich weiss, wofür ich öfter mal Nachts aufstehe und Blutzucker messe

Ich bin mir sicher, dass meine Tochter das auch schafft. Mindestens 70 Jahre soll sie mit ihrer Diagnose leben können, gerne auch 80. Möglichst ohne Folgeschäden. Natürlich weiß ich, dass die Lebenserwartung von Typ 1 Diabetikern immer noch unterdurchschnittlich ist. Besonders, weil viele Diabetiker es nicht schaffen, lebenslang akzeptable Langzeitwerte zu erreichen. Aber der Abstand zu der Lebenserwartung der „Gesunden“ sinkt seit den 70er Jahren stetig.

Auch deswegen stehe ich auch gerne nachts auf und messe den Blutzucker meine Tochter, nicht nur sie morgens mit einem guten Wert in den Tag starten kann. Auch wenn es mich manchmal echt zermürbt, weil ich immer so müde bin. Aber ich denke dann immer an Ted, für den jeder Tag in seinen über 70 Jahren mit Diabetes ein Geschenk gewesen sein muss.

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