Diabetes in der Schule

Unterzucker bei der Mathearbeit

Letztens trat ich mit der Lehrerin meiner Tochter in Kontakt.  Meine Tochter ist 11 und seit 10 Jahren Diabetikerin. Sie hat zum ersten Mal eine Mathematikarbeit versemmelt. Im letzten Zeugnis hatte sie eine 1 und jetzt hat es nur zur 3 gereicht. Sie war ganz klar unterzuckert, was ich der Lehrerin auch in einer E-Mail höflich erklärte.

Einen Nachteilsausgleich hatte ich bisher nicht beantragt, um nicht unnötig Staub bei den Lehrern aufzuwirbeln. In der Grundschule bin ich beim Schulpersonal nämlich ständig angeeckt, deswegen haben wir uns auf der weiterführenden Schule entschieden, möglichst alles allein hinzubekommen.

Mein Kind ist zu ernst

Aber statt meiner Tochter die Möglichkeit zu geben in irgendeiner Form diese Leistung zu korrigieren, bekam ich eine ziemlich scharf formulierte Antwort. Die Lehrerin warf mir unter anderem vor, meine Tochter wäre viel zu ernst. Na super! Zu ernst! Mein Kind ist sicher nicht gerade der Klassenclown. Ihr macht es Spaß, möglichst gut in der Schule zu sein und sie erspart es sich, durch unangemessenes Verhalten unangenehm aufzufallen. Aber sie hat Freunde, mit denen sie fröhlich spielt. Und eigentlich könnte die Lehrerin sich über Schüler, die konzentriert mitarbeiten, freuen.

Diabetes fordert viel Disziplin

Aber ganz ehrlich, mich wundert es nicht, dass meine Tochter als ernst wahrgenommen wird. Der Diabetes fordert Selbstbeherrschung und Konzentration. Vor allem wenn man mit 11 Jahren von 8.00 bis manchmal 16.00 Uhr das Diabetesmanagement selbst regeln soll. Die Lehrer sind ja nicht zuständig, jedenfalls ist dies in NRW so. Also macht mein Kind alles allein. Dabei muss sie sich konzentrieren, damit sie nichts vergisst. Das prägt einfach. Meine Tochter weiß, dass sie den Diabetes nur dann die Stirn bieten kann, wenn sie die nötigen Rituale einhält. 7 Mal am Tag Blutzuckermessen, 4-6 Mal am Tag Mahlzeiten portionieren und berechnen, nichts zwischendrin einfach so naschen ohne Insulingabe, alle 2 Tage ein Katheder neu stechen, so etwas formt einen Menschen, und eben auch mein Kind. Dazu braucht sie Disziplin, und deswegen spielt diese in ihrem Alltag eine große, manchmal übermächtige Rolle, egal ob wir es wollen oder nicht. Auch wenn man das Wort nicht benutzt, aber letztendlich geht das alles nur mit Selbstbeherrschung.

Mich hat die Ansage der Lehrerin trotzdem sehr betroffen gemacht. Ich hatte das Gefühl, ich würde mein Kind  unter Druck setzen, und habe mich wie eine Mischung aus Helikopter- und Eislaufmutti gefühlt. Mein zweites Kind, ein Zwillingsgeschwister, wirkt viel unbeschwerter, sie ist auch nicht so „ernst“. Aber die Balance zwischen Konzentration und Lockerheit ist im Alltag manchmal schwer zu finden, wenn man sein Kind mit einem brauchbaren Langzeitwert und ohne krasse Entgleisungen durch die Kindheit bringen will.

Nachteilsausgleich

Um die Sache mit den Klassenarbeiten zu regeln, habe ich jetzt also erst mal den Nachteilsausgleich beantragt. Nach Aussage des Kölner Schulamtes gibt es dafür keine feste Regelungen, ich soll das mit der Schule aushandeln. Die Stufenleiterin hat die Entscheidung darüber jetzt wieder der Lehrerkonferenz übergeben. Wenigstens könnte meinem Kind so ermöglicht werden, den Zeitverlust durchs Messen an die Klassenarbeitszeit ran zu hängen.

Wie das gehen soll, wenn die Lehrer nach der Klassenarbeit gleich in die nächste Klasse müssen, wäre da noch zu klären. Sich darin erinnern, dass sie vor und nach dem Test den Blutzucker messen muss, das soll meine Tochter dann wieder alleine hinbekommen. Wieder so etwas, was Disziplin braucht und eine gewisse Ernsthaftigkeit.

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